Vorbemerkung
Der folgende Artikel der Journalistin Anke Barth erschien im Juli 2008 auf der Internetseite von MEDICA.de. Wir veröffentlichen ihn hier, um zur Diskussion anzuregen.
Anke Barth: "Morbus Menière: Die Trial-and-Error-Behandlung"
Benannt wurde die Krankheit schon vor fast 150 Jahren nach ihrem Entdecker, trotzdem gibt es für Morbus Menière noch immer keine Heilung. Mediziner schwören auf verschiedene Verfahren, die Symptome lindern können. Was genau wie gut funktioniert, ist aber immer noch unklar.

- Viele Tests sind notwendig, um Morbus Menière festzustellen; ©Schwindelambulanz München
„Was Morbus Menière ist, darüber streiten sich die Leute“, sagt Martin Khan, Doktor an der HNO-Klinik der Charité in Berlin. Nicht einmal über die Ursache für die Krankheit sei man sich hundertprozentig sicher. Spezialisten haben sich mittlerweile darauf geeinigt, dass ein „endo- lymphatischer Hydrops“ Schuld an den Symptomen Schwindel, Gehörverlust und Tinnitus ist: Flüssigkeit wird dabei nämlich im Innenohr gestaut, bis die Membran, die Endo- und Perilymphe trennt, durch den Druck zerreißt und sich die Flüssigkeiten dann wild durcheinander mischen. Soweit die Theorie – bewiesen ist nichts.
Aber nicht nur über die Ursache von Morbus Menière herrscht Unsicherheit, auch eine Diagnose anhand von Symptomen und durch Ausschlussverfahren ist schwierig. „Viele Menschen gehen mit einer Diagnose durch die Welt, die nicht stimmt.“ Davon ist Khan überzeugt und die Zahl der Betroffenen ist nicht sicher zu bestimmen: Zirka 0,1 Prozent aller Deutschen - das ist eine beliebte Schätzung, die sich auf Zahlen für Großbritannien bezieht. Und, last but not least, auch bei der Behandlung von Morbus Menière gibt es keine einheitliche Linie: Es gibt medikamentöse, operative und alternative Behandlungsmethoden, die mit einer salzfreien Diät beginnen und bei der Durchtrennung des Gleichgewichtsnervs enden.
Ärzte behandeln unterschiedlich
Wie ein Patient behandelt wird, hängt stark davon ab, welchen Arzt er aufsucht. Die HNO-Klinik der Charité, zum Beispiel, baut auf den Wirkstoff Gentamicin, die Schwindelambulanz der Universitätsklinik in München dagegen auf Betahistin und behandelt nur im Ausnahmefall mit Gentamicin.
Gentamicin ist ein Antibiotikum, das toxisch im Innenohr wirkt und die Sinneszellen zerstört. In Fällen von Morbus Menière, in denen das Gehör ohnehin bereits soweit geschädigt ist, dass man es nicht retten kann, kann Gentamicin helfen. Khan setzt es aber bereits vorher ein: „Früher hat man viel zu viel Gentamicin genommen, daher sind viele erkrankt. Wir nehmen heute aber nur einen ‚single shot‘, das funktioniert im Allgemeinen sehr, sehr gut.“
Bei Betahistin, das die Durchblutung im Innenohr fördert, ist es genau umgekehrt. Es schadet dem Innenohr zwar nicht, aber dafür ist umstritten, inwieweit es überhaupt eine mildernde Wirkung auf die Symptome hat: „Weil man zu wenig genommen hat“, davon ist Michael Strupp, leitender Professor der Schwindelambulanz der Universitätsklinik in München, überzeugt. Er beschäftigte sich in einer Studie mit genau dieser Fragestellung. Das Resultat: Wenn man Betahistin über einen längeren Zeitraum und in höherer Dosierung verabreiche als bisher üblich, könne dieser Wirkstoff die Schwindelsymptome fast vollständig beheben. Und es sei für alle gut verträglich.
Christoph von Ilberg höre allerdings immer wieder von seinen Patienten, dass sie unter starken Nebenwirkungen durch Betahistin zu leiden hätten. Der Professor leitet eine Klinik, in der ein spezielles Verfahren bei Morbus Menière angeboten wird: die Labyrinth Anästhesie. Von Ilberg verspricht eine 85- bis 90-prozentige Besserung der Schwindelsymptome quasi ohne Nebenwirkungen – auf seinen Internetseiten. Doch Studien, die dies eindeutig belegen können, gibt es nicht.
Labyrinth-Anästhesie ist besonders umstritten
Von Ilberg hat die 250 Patienten, die er seit der Eröffnung seiner Klinik nach eigenen Angaben empfangen hat, alle ausschließlich mit der Labyrinth-Anästhesie behandelt, einem Verfahren, von dem der Professor selbst offen zugibt: „Warum die Methode wirksam ist, kann man nicht genau erklären. Ich weiß es einfach aus Erfahrung.“ Genau deswegen kritisieren andere Mediziner das Verfahren auch: Man solle nur machen, was auch logisch erklärbar sei, so ihr Kredo.
Bei der Labyrinth-Anästhesie wird durch einen kleinen Schnitt im Ohr eine örtliche Betäubung des Nervensystems durchgeführt, die eigentlich nur zwei Stunden wirkt. Danach müsste der Schwindel theoretisch wiederkehren. Dem stehen von Ilbergs Zahlen gegenüber: „Zur Zeit haben wir einen Wirkungsgrad von 87 Prozent, bei denen das Mittel primär wirkt.“ Von Ilberg glaubt, dass durch die kurzfristige Blockierung des Nervensystems eine Normalisierung des Druckgleichgewichts erreicht wird, sozusagen ein Neustart im Innenohr.
Die angeblichen Erfolgsquoten, die auf der Webseite angepriesen werden, hält Strupp für einen „Placebo-Effekt“ und er fügt hinzu: „Ich halte davon gar nichts.“ Eine lokale Betäubung habe keinerlei Einfluss auf die angenommene Ursache der Krankheit - die vermehrte Flüssigkeit im Ohr. Khan ist nicht weniger skeptisch: „Vom Wirkungsmechanismus her kann ich mir nicht vorstellen, wie es helfen soll.“
Einige der Patienten von Ilbergs kommen tatsächlich mehrfach wieder, manchmal nach Jahren, manchmal schon nach wenigen Monaten. Wie viele, das wisse er aber nicht genau. „Vielleicht so 50 Prozent“, schätzt er schließlich zaghaft. Das ist dann jedenfalls lukrativ für ihn: Er behandelt nur Privatpatienten, da die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen, und nimmt für eine Behandlung 2000 bis 2500 Euro.
Anke Barth
MEDICA.de
